Pädagogische Arbeit
"Das Urbild der Beziehung des Menschen zur übrigen Natur
ist nicht die Wildnis, sondern der Garten. Im Garten ist Natur zugleich
Kultur (...) und Kultur ist zugleich Natur". ....
( Gropengießer, Harald/ Kattmann, Ulrich, S. 221)
Die heilsame Wirkung von Gartenarbeit kann jeder Mensch im Selbstversuch
erleben. Dabei ist nicht wichtig , ob es das Graben und Pflanzen im eigenen
Garten oder das Abzupfen von Blättern bei den Balkongeranien ist. Wer
sich beim Gärtnern beobachtet, bemerkt rasch wie sich die eigene Wahrnehmung
im Laufe der Tätigkeiten ändert. Und das geschieht auf vielfältige, ja
schon fast paradox erscheinende Art. Die Sinne werden angeregt, aber gleichzeitig
auch entspannt. Die Aufmerksamkeit wird geschärft, aber auch abgelenkt.
Der Drang zu gestalten wird geweckt und zugleich gebremst, wodurch dem
Handelnden die Grenzen seiner Kontrolle vor Augen geführt werden.
Ein Garten ist mehr als eine Kombination aus Pflanzen, die dort gepflanzt
wurden. Ein gewachsener Garten ist beim näheren Betrachten ein komplexes
Wirkungsgeflecht vieler natürlicher Komponenten, ein Netzwerk, in dem
der Mensch Lebensrhythmen erleben kann. Im Garten wird die Natur „kultiviert“.
Kultur kommt vom lateinischen „cultare“, was sinngemäß „Sesshaft-werden“
bedeutet. Erst durch die Bearbeitung des Bodens, also durch das bewusste
Eingreifen des Menschen in seine natürliche Umgebung, ist Kultur entstanden.
Somit ist der Umgang mit der Erde und den Pflanzen ein sehr alter Zugang
zur eigenen Gestaltungskraft. Die Verbundenheit mit den Pflanzen spiegelt
sich auch in unseren Sprache wieder: „Die Früchte seiner Arbeit ernten“,
„Stark wie ein Baum“, „Eine blühende Phantasie besitzen“, „Verwurzelt
sein“, „Unkraut vergeht nicht“ oder „Ins Kraut schießen“. Diese Aussprüche,
die reale gärtnerische Tatsachen darstellen können, sprechen doch auch
von Bildern der Seele und offenbaren menschliche Befindlichkeit.
In der Regel ist der Garten gewachsen aus dem Zusammenspiel von
menschlicher Arbeit und der Natur. Darin scheint mir eine geheimnisvolle,
sehr wirksame Verbindung zu liegen. Es gibt Gärten, die ein Missverhältnis
dieser beiden, zentralen Kräfte aufweisen. Zu stark vom Menschen gestalteten
Gärten sind zwar meist sehr schön anzusehen, doch laden sie nicht zum
Verweilen ein. Zu stark von der Natur durchwirkte Gärten erscheinen dem
Betrachter oft unübersichtlich, so dass man vom „Verwildern“ spricht.
Das gelungene Wechselspiel zwischen aktivem Eingriff und Entwickeln lassen
entspricht auch dem Ideal des ausgewogenen menschlichen Handelns. Einerseits
ist das bewusste und verantwortungsvolle Gestalten der eigenen Handlung
wichtig, andererseits ist es jedoch ebenfalls erforderlich abzuwarten
und somit Geduld für die Entwicklung einer Sache aufzubringen. Genau hier
kann der Garten seine wertvolle pädagogische Funktion übernehmen. Die
Entwicklungsströme unserer Kultur sind gekennzeichnet durch teilweise
massive Entfremdungserscheinungen und deren negative Auswirkungen.
Das Erleben der Veränderung während der Gartenarbeit bei einem Kind oder
Jugendlichen ist sehr eindrücklich. Viele Kinder und Jugendliche (und
nicht nur die Stadtkinder) kennen heute körperlich anstrengende Tätigkeiten
nicht mehr oder nur aus dem Sport- oder Freizeitbereich. Gerade hier setzt
das Gärtnern an. Das Erleben der eigenen körperlichen Kraft und das Einsetzten
dieser Kraft für eine Arbeit schafft ein Gefühl des Sinnhaften. Sich selbst
als produktiv zu erleben, gehört zu den grundlegenden Erlebnissen, die
für die Entwicklung eines Menschen bedeutsam sind. Da früher viele Kinder
oder Jugendliche in den elterlichen Betrieben mithelfen mussten, waren
Erlebnisse dieser Art Selbstverständlichkeiten. Heutzutage ist das nicht
mehr so, wodurch es gerade an der Erfahrung praktischer Tätigkeiten elementar
mangelt.
Sich selbst als handelnd und in seinem Handeln als wirkungsvoll zu erleben,
gehört zu den wesentlichen Erfahrungen der menschlichen Entwicklung. Gerade
der Garten als begrenzter Raum bietet die Möglichkeit durch die Fülle
der Sinneseindrücke den eigenen Einfluss zu erleben. Wenn eine Aussaat
keimt, dann kann das Ergebnis der eigenen Initiativkraft unmittelbar erlebt
werden „Ich bringe etwas in die Welt“. Beim Pikieren
und Pflanzen wird kraft der eigenen Gestaltung etwas Schönes (Blumen etc.)
oder Nährendes (Gemüse/Obst) angelegt „Ich gestalte die Welt“.
Bei der Pflege der Kulturen heißt es, sich um die Pflanzen als bedürftige
Schützlinge zu kümmern, sie im Bewusstsein zu haben „Ich bin
da für die Welt“. Schließlich folgt die Ernte von Gemüse oder
das Pflücken von Blumen als Gabe an den Menschen, als Antwort auf seine
Bemühungen. „Meine Arbeit trägt Früchte“.
Sinnesschulung
Die Arbeit im Garten bietet ein Vielzahl von Möglichkeiten, alle Sinne
zu schulen. Durch die unterschiedlichen Arbeiten werden auch verschiedenen
Sinne angesprochen und die Schüler und Schülerinnen machen so lebenspraktische
Erfahrungen. Exemplarisch werden einige Beispiele beschrieben:
Beginnend beim Tastsinn, beispielsweise durch die Arbeit
mit der Erde und dem Greifen der verschiedenen Materialien. Zu fördern
ist der Tastsinn, indem bewusst wenig Werkzeuge eingesetzt werden, zum
Beispiel durch das Jäten mit den Fingern. Auch ein begrenztes Angebot
von Handschuhen (außer aus Sicherheitsgründen o.ä.) „verhilft“ den Schülern
zu neuen Tasterlebnissen.
Durch die körperliche Arbeit und dort verstärkt durch das rhythmische
Arbeiten, z.B. beim Umgraben, wird die Koordination gefördert. Bewusstes
Einsetzen der Gliedmassen nach den Hebelgesetzten schulen die Bewegungsintelligenz.
DerGleichgewichtssinn wird z.B. beim Einebnen von Saat-
oder Pflanzbeeten oder beim Kantenstechen aktiviert.
Für die Schulung des Geschmackssinnes ist die gesamte
Palette der Pflanzen da. Früchte, Beeren und Gemüse laden förmlich zum
Probieren ein. Der Geschmack einer frisch geernteten Möhre ist unvergleichlich.
Auch der Geruchssinn wird zum Beispiel bei Tee- und Würzkräutern
geschult. Als beurteilendes Organ ist die Nase auch beim Reifegrade des
Kompostes hilfreich.
Der Sehsinn wird durch bewusstes Beobachten geschult,
auch da geht es um das Beurteilen. Geht es der Pflanze gut? Hat sie genug
Wasser und Nährstoffe? Das lässt sich anhand des Äußeren der Pflanze erkennen.

